Name: Viscum album (Lt), Mistel (Dt)
Familie: Visceraceae (Lt), Mistelgewächse (Dt)
Geschichte Viscum album
Die Mistel spielte sowohl in der antiken als auch in der germanischen Mythologie eine große Rolle. "Die goldene Zauberrute", die dem Aeneas den Zugang zu der Unterwelt öffnet, wird gern mit der Mistel identifiziert.
In der Edda wird erzählt, dass der blinde Gott Hödur den lichten Sonnengott Baldur mit einem "misteltein" (Mistelzweig) als Lanze tötete. Bekannt ist auch die Erzählung des Plinius, nach der die Druiden, die Priester der alten Gallier und Britannier, nichts so heilig hielten als eine auf einer Eiche wachsende Mistel. Eine alte Druidenregel war: "Der Mistelzweig muss mit Achtung und, wenn möglich, im sechsten Monde gesammelt werden. Er muss mit einem goldenen Messer abgeschnitten werden. Das Pulver von Mistelzweigen macht Frauen fruchtbar."
Auch wurde geglaubt, dass sie ein Heilmittel gegen allerlei Gift wäre. Noch heute gilt die Mistel als dämonenabwehrende Pflanze. Mit deutlichem mystischem Bezug ist sie das Grün der englischen Weihnacht.
Die Verwendung der Mistel in der Heilkunde soll bis auf die vorchristlichen Hippokratiker zurückgehen. Nach Plinius ist sie ein Mittel gegen Epilepsie und Schwindel, und zwar wurden besonders die jüngeren Zweige verwendet. Diese Quelle benutzten wohl die Autoren des Mittelalters, wenn sie alle übereinstimmend die Pflanze als erweichendes und krampfstillendes Mittel empfahlen. Man glaubte, dass sie gegen Epilepsie nur dann hilfreich sei, wenn sie nicht die Erde berührt habe.
Die Misteln, die an den Eichen wachsen, Loranthus genannt, galten früher als besonders heilkräftig. Auch J. Colbatch in London empfahl sie in Verbindung mit der Paeonie gegen Epilepsie (Abhandlung von der Mistel und ihrer Kraft wider die Epilepsie, Altenburg 1748). Ebenso wurde sie von einer ganzen Reihe von anderen Ärzten des 18. und 19. Jahrhunderts als gutes Mittel gegen Epilepsie gerühmt, so z.B. von Gentilis de Faligno in Padua, G. F. Hildebrandt, Fr. G. Voigt und D. le Clerc.
Schon die alten Griechen und Römer bereiteten aus dem Fleische der Scheinbeeren den Vogelleim. So findet auch folgender Spruch seine Erklärung: "Turdus ispe sibi cacat malum" (die Drossel bereitet sich selbst das Unheil). Von Hippokrates werden die Mistelblätter gegen Milzsucht gebraucht, der Mistelschleim findet bei der hl. Hildegard gegen Leberkrankheiten Anwendung. Paracelsus lässt die Mistel bei Epilepsie verwenden, eine Indikation, die auch Lonicerus, Bock und Matthiolus anführen. L. verordnet die Mistel zudem als resorptionsförderndes, fieberwidriges, blutstillendes, erweichendes, zerteilendes, wurmtreibendes und geburtserleichterndes Mittel.
1729 (in deutscher Übersetzung 1776) erschien eine Broschüre, die lediglich der Mistel gewidmet war und die klinischen Erfahrungen des englischen Arztes Colbatch wiedergab, der die Mistel "beynahe" als "ein solches Specificum wider die epileptischen Krankheiten" bezeichnete, "wie die Chinarinde wider die abwechselnden Fieber".
Als Antiepileptikum war die Mistel auch im Arzneischrank Hufelands vertreten.
Als schwaches Antispasmodikum wird sie von Clarus bezeichnet.
Die Mistel, die ein altes Volksmittel gegen Krebs ist, wurde systematisch in die Krebsbehandlung eingeführt durch Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie, und durch dessen ärztliche Schüler, insbesondere Kaelin. Letzterer berichtet über eine Reihe von inoperablen Karzinomfällen und Rezidiven, die durch injizierbare Extrakte geheilt sind.
Die ihr in der Medizin gebührende Stellung ist der Mistel vorwiegend auf Grund der Forschungen Gaulthiers wieder eingeräumt worden, der in Untersuchungen die blutdrucksenkende Wirkung feststellte, die auf einer Beeinflussung des vasomotorischen Nervenzentrums beruhen soll.
Die blutdrucksenkende Wirkung wurde an Hunden, Katzen und Kaninchen von verschiedenen Autoren bestätigt. Im wesentlichen sind dabei Cholin oder Cholinester wirksam. Diese erweitern die Arteriolen und Kapillaren durch direkte Beeinflussung. Hinsichtlich der Pharmakologie der Cholinderivate sei auf die Darstellung Trendelenburgs, hinsichtlich des Acetylcholins auf Gaddum und Dale, die vorwiegend die Rolle des körpereigenen Acetylcholins behandeln, verwiesen.
Kochmann isolierte aus Presssäften von auf Apfelbäumen gewachsener Mistel einen dem Acetylcholin nahestehenden, parasympathischen Reizstoff, dessen Wirkungen durch Atropin antagonistisch beeinflussbar sind, und der beim Menschen nach peroraler Zufuhr Blutdrucksenkung bewirkt.
Nachdem Lesieur, Hanzlik und French, Shin Maie Bijlsma eine digitalisartige Wirkung von Mistelauszügen festgestellt hatten, konnten Ebster und Jarisch aus der Mistel eine digitalisartig wirkende Substanz gewinnen; nach Ebster hat Viscum bei Kaninchen "eine ziemlich lange anhaltende tonische Wirkung" mit Erhöhung des Herzminutenvolumens, die erst im vorgeschrittenen Stadium absinkt.
(Madaus,1938)
Die Einführung der Mistel in die Krebstherapie geht auf Rudolf Steiner und Ita Wegmann zurück, die in den Jahren 1917 bis 1920 erstmals speziell zubereitete Mistelgesamtextrakte bei Krebskranken anwendeten.
Der Misteltherapie des Krebses liegen zwei Sichtweisen der Krebserkrankung zugrunde, die naturwissenschaftlich-schulmedizinische sowie die anthroposophische. Letzere versteht sich nicht als eine Alternative, sondern als Erweiterung der naturwissenschaftlichen Erkenntnismethode. In Bezug auf die Tumorerkrankung bedeutet dies, dass ihre Entstehungsbedingungen im Zusammenhang mit der gesamtmenschlichen Individualität zu betrachten sind. Der Tumor selbst stellt vor dem Hintergrund einer solchen Sichtweise nicht die Krebskrankheit, sondern lediglich ein Symptom dar.