Name: Viscum album (Lt), Mistel (Dt)
Familie: Visceraceae (Lt), Mistelgewächse (Dt)
Wirkung Viscum album
Bei der Behandlung mit "physiologischen", d.h. noch nicht toxischen Konzentrationen (s.u.), dominiert die immunmodulierende Wirkung, an der vor allem die Lektine sowie die Oligo- und Polysaccharide beteiligt sind. Immunzellen werden aktiviert. Flavonoide und Phenylpropanderivate spielen weiterhin eine Rolle in der Krebsprävention.
(Stein et al. 2002, Lyu et al. 2002, Valentiner et al. 2002)
Über die Aktivierung bzw. Inaktivierung von Tumorzellen durch Mistellektine wird dabei konträr diskutiert.
(Gabius und Gabius 2002, Maier und Fiebig 2002)
Geringe Mistelkonzentrationen können zu einer begrenzten Aktivierung von Zellen führen, was man als Stressreaktion betrachten kann, jedoch nicht als Proliferation im Sinne des unkontrollierten Tumorwachstums. Ähnliche streßbedingte Reaktionen treten auch bei Bestrahlung von Tumorzellen auf.
Bei Konzentrationen oberhalb des "physiologischen" Bereiches kommt es zu starken toxischen Nebenwirkungen durch Mistellektine, Polysaccharide und Viscotoxine. Die Mistellektine sind z.B. parenteral verabreicht hochtoxisch (LD50 für ML I: Maus 28,6 µg/kg Körpergewicht i.v.). Per os sind sie nicht toxisch wegen fehlender Absorbtion. Parenteral appliziert sind Viscotoxine ebenfalls hochtoxisch (LD50 Maus: 100 µg bzw. 500 µg/kg Körpergewicht, i.v. bzw. i.p.).
Zellwachstumshemmung in vitro: Gesamtauszüge aus frischer Droge (Mistel-Presssäfte, wässrige Auszüge oder fermentierte, einer Milchsäuregärung unterworfene Mistelauszüge, wie sie bei Fertigpräparaten eingesetzt werden) zeigen bei isolierten Zellen, u.a. in Tumorzelllinien, wie He-La Zellen, Wachstumshemmung und in höheren Konzentrationen, die in vivo weit über den therapeutisch eingesetzten liegen, Zytotoxizität.
Die Viscotoxine hemmen in vitro das Wachstum menschlicher Tumorzellen Konzentration 0,2 –1 µg/ml). Viscotoxin enthaltende Phytopharmaka wurden früher biologisch normiert und in verschiedenen Wirkungsstärken angeboten,
(Hänsel und Haas 1984, Lyu et al. 2002, Valentiner et al. 2002)
Antitumorale Wirkung im Tiermodell: Weber, Mengs et al. beobachteten, dass standardisierte Mistelextrakte (Lektinol®) im Tier-Tumormodell antikrebs- bzw. antimetastatische Effekte haben. In Mäusen wurde das Wachstum von Nierenzell, Colon- und Hodentumoren inhibiert. Die antimetastatische Wirkung zeigte sich als Reduktion von Lungenmetastasen beim primären Melanom in Mäusen.
(Weber et al. 1998, Mengs und Leng-Peschlow 2000)
Dieser Effekt wird durch die nachgewiesene antiangiogenetische sowie apoptotische Wirkung der Mistellektine erklärt.
(Park et al. 2001)
Antitumorale Wirkung in klinischen Studien: Aus Meta-Analysen alter Studien und aus aktuellen Studien ergab sich folgendes:
Kiene 1989: Meta-Analyse von 35 Studien: 9 Studien zeigten Überlebensvorteile durch Misteltherapie bei folgenden Tumorentitäten: Zervix, Bronchial, Ovarial, Lebermetastasen, Rectum, Colorectum, Mamma, Magen.
Dold et al. (1991) bei Bronchial Ca und Heiny (1991) bei Mamma-Ca fanden keine signifikante Überlebenszeit, aber Verbesserung der Lebensqualität.
Kleijnen u. Knipschild (Meta-Analyse) (1994): 15 Studien: Signifikanter Überlebensvorteil durch Misteltherapie bei Mamma Ca.
Stumpf et al. (2000) untersuchten Risiko und Effektivität einer Misteltherapie bei malignen hämatologischen und lymphatischen Erkrankungen bei 223 Patienten retrospektiv über einen Zeitraum von 16 Jahren und verglichen die Ergebnisse mit Literaturdaten hinsichtlich der Überlebenszeiten konventionell behandelter Patienten. Der Literaturvergleich ergab nahezu identische Überlebenszeiten mit konventionell behandelten Patienten. Hinweise auf Risiken durch die Therapie konnten bei den mit Mistelextrakt behandelten Patienten nicht erbracht werden.
Grossarth-Maticek 2001: beschrieb prospektive nicht randomisierte und randomisierte Matched-Pair-Studien, eingebettet in eine Kohortenstudie. In der epidemiologischen Kohortenstudie mit 10.226 Krebspatienten wurde die Überlebenszeit in definierten Matched-Pairs untersucht. In einer Gesamtheit von 396 Matched-Pairs lag die mittlere Überlebenszeit von Patienten mit Mistelextrakt 40% höher als in der Kontrollgruppe. In dieser Studie zeigte sich im Prinzip das beste Ergebnis bei Patientinnen mit Mamma-Ca. Bei einem stadienabhängigen Vergleich hatten Patientinnen in der Gruppe mit axillären Metastasen wesentlich bessere kumulative Überlebenszeitkurven als primär metastasenfreie Patientinnen. Begrenzung der Studie: es wurden Ergebnisse aus Studien mit verschiedenen Konzentrationen und Extrakten desselben Herstellers ausgewertet.
Goebell et al. 2002: Bei oberflächlichen Harnblasenkarzinomen pTaG1-2 konnte innerhalb einer prospektiven randomisierten 18-monatigen Verlaufsstudie bei 45 Patienten nach subkutaner adjuvanter Misteltherapie (im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne zusätzliche Therapie) kein Unterschied festgestellt werden hinsichtlich der Anzahl von Primärläsionen, Rezidiven, Rezidivfreiheit und Gesamtzahl an Rezidiven (p=0,48).
Nachteile der insgesamt publizierten Studien sind fast immer zu kleine Fallzahlen, fehlende Kontrollgruppen, fehlende Randomisierung und/oder – Verblindung.
(Freiman 1978)
Kardiologische Wirkung: Als vermutliche Ursache der (oral applizierter Tee, aber auch Tinktur i.v.) blutdrucksenkenden Eigenschaft der Mistel fand man ein Cholinderivat, das dem Acetylcholin verwandt ist. Von den Cholinderivaten ist bekannt, dass sie den Parasympathicus erregen und die Gefäße erweitern. Weiterhin zeigte sich, dass Kaltwasserauszüge aus der Mistel auch digitalisartig auf das Herz wirken, jedoch nur bei der Injektion.
(Madaus 1983, Weiß 1991)
Mit Extrakten von Viscum coloratum Nakai wurden in experimentellen Untersuchungen Effekte von einem Dihydro-Flavonoid zur Behandlung von Tachyarrhythmie nachgewiesen.
(Wu et al. 1994)
Extrakte von Viscum coloratum Nakai können Buthochdruck senken, bei einer gleichzeitigen Verbesserung der koronaren Herzdurchblutung und einer Senkung des Herzschlagvolumens.
(Kee Chang Huang 1999)
Wirkung bei abnutzungsbedingter Gelenkerkrankung (Arthrose)
Viscum album (Herba) hatte zurückliegend als Injektion auch die Indikation: "Zur Segmenttherapie bei degenerativ-entzündlichen Gelenkerkrankungen durch Auslösung cuti-visceraler Reflexe nach Setzen lokaler Entzündungen durch intracutane Injektion." Ein demgemäßes Präparat wurde 1939 erstmals von der Firma Madaus zur Segmenttherapie bei Arthrosen (Plenosol®) eingeführt.